Nachdem ich hier im Forum schon öfter auf Diskusionen über Schizophrenie gestoßen bin, denke ich, ist es hilfreich eine verständliche sachliche Abhandlung
dieser mit so viel Vorurteilen behafteten Krankheit hier im Forum einzustellen.
Schizophrenie wird häufig mehr als ein Schreckgespenst gesehen. Und der Ausdruck "schizophren" hört sich beinahe wie eine Beleidigung an. Es handelt sich bei dieser Krankheit (KH) um eine, i.d.R. gut behandelbare Erkrankung (EK), mit je nach Form guten Aussichten auf Heilung.
In meiner Arbeit mit an Schizophreniererkrankten Patienten (Pat.) habe ich viele Facetten dieser KH kennenlernen dürfen. Ach wenn die KH für mich, nicht in ihrer Ganzheit vollkommen nachvollziehbar ist, so habe ich doch Pat. kennengelernt, die trotz oder wegen ihrer KH wunderbare Menschen sind.
Ich werde mich bemühen die Sachverhalte gut verständlich um zusetzten. Sollt etwas nicht klar sein, dann stehe ich natürlich gern zur Verfügung.
Weiterhin erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit meiner Ausführungen. Für Berichtigungen, Verbesserungen bin ich jederzeit offen.
Dieser Tread ist nicht gedacht um Meinungen und Ansichten zu vertreten. Mein Anliegen ist die reine Information und Aufklärung.
Quellen:
Ergotherapie in der Psychiatrie,Scheiber /
http://www.psychiatriegespraech.de
Definition der Schizophrenie
Definition nach ICD-10*
"Die schizophrenen Störungen sind im allgemeinen durch grundlegende und charakteristische Störungen von Denken und Wahrnehmung sowie inadäquate oder verflachte Affektivität* gekennzeichnet. Die Klarheit des Bewusstseins und die intellektuellen Fähigkeiten sind in der Regel nicht beeinträchtigt. Im Laufe der Zeit können sich jedoch gewisse kognitive Defizite entwickeln. Die Störung beeinträchtigt die Grundfunktionen, die dem normalen Menschen ein Gefühl von Individualität, Einzigartigkeit und Entscheidungsfreiheit geben. Die Betroffenen glauben oft, dass ihre innersten Gedanken, Gefühle und Handlungen anderen bekannt sind oder, dass andere daran teilhaben. Ein Erklärungswahn kann entstehen, mit dem Inhalt, dass natürliche oder übernatürliche Kräfte tätig sind...Die Betroffenen können sich so als Schlüsselfigur allen Geschehens erleben. Besonders akustische Halluzinationen sind häufig... Farben und Geräusche können ungewöhnlich lebhaft oder in ihrer Qualität verändert wahrgenommen werden..."
ICD-10:Verschlüsselungssystem für EK, (die Nummer die man auf dem Krankenschein, bei Diagnose findet, ist eine ICD-10 Nummer)
Affektivität: die körperliche und emotionale Reaktion auf Anlässe/ Situationen
(bei einem Witz - lachen, traurige Nachricht - weinen)
Symptome:
Hier gibt es verschiedene Einteilungen. Die bekanntesten und gebräuchlichsten sind nach "Bleuler" und "Schneider".
Für Bleuler gehörten
* zu den Grundsymptomen der Schizophrenie:
o Typische Störungen der Affektivität (Euphorie bis tiefe Depressivität,
im schnellen Wechsel)
o Formale Denkstörungen*
o Ich-Störungen*
* zu den akzessorischen (begleitende) Symptomen:
o Wahn*
o Halluzinationen*
o Katatone Symptome*
formale Denkstörungen: Denkhemmung, Denkeinengung, verlangsamtes
Denken, Zerrfahrenheit, Gedankenspringen,
Konzentrationsstörungen, Gedächtnisstg., Gedanken-
leere, Gedankenabbrechen
Ich Störungen: die Peson erlebt sich als fremdbestimmt, fremdbeeinflusst,
eigenes Erleben wird wird als fremd und unwirklich
empfunden, Gedankenentzug, Gedankenausbreitung
Wahn: ein Sachverhalt wird zwar richitg wahrgenommen, aber falsch
interprediert
Halluzinationen: ein Sachverhalt wird wahrgenommen, der aber nicht der
Realität entspricht
Zum Vergleich: Eine Person sieht die andere miteinander erzählen, und
interprediert dies falsch. "Alle reden über mich" -> Wahn
Eine Person sieht, hört andere, die aber nicht Realität sind
-> Halluzination
katatone Symptome: Bewegungsstarre. bis hin zur völligen Bewegungslosigkeit
Kurt Schneider unterschied Erstrangsymptome und Zweitrangsymptome
* Symptome ersten Ranges:
o Wahnwahrnehmung (verändert)
o Dialogisierende akustische Halluzinationen
o Gedankenlautwerden, Gedankenentzug, Gedankeneingebung,
Gedankenausbreitung
o Andere Beinflussungserlebnisse mit dem Charakter des Gemachten
* Symptome zweiten Ranges:
o Wahneinfall (man unterscheidet im Groben nach Wahneinfall und
Wahnwahrnehmung)
o Sonstige Halluzinationen (optisch, olfaktorisch=geruchlich)
o Affektveränderungen
o Ratlosigkeit
o Und andere...
Es wird in der Praxis oft nach Positiv oder produktiver Symptomatik und Negativsymptomatik unterschieden.
akute produktiv-psychotische Phase- die schizophrene "Verrückung"
akute Symptome:
- Angst, Spannung, Erregung, Derealisationserleben, Depersonalions-
erlebnisse, Wahn, Halluzination
- das globale Fühl, Denk und Verhaltenssystem ist "schief" "verrückt"
- Psychose, Verrücktheit ist grundsätzlich eine Möglichkeit des menschlichen
Geistes (Jähzorn, Verliebtheit, Trauer)
Der Unterschied zwischen der alltäglichen und der krankhaften "Verrückung" ist nur graduell. Beim Kranken ist sie ausschließlich stabiler, nicht so einfach wieder umkehrbar. Das Erleben eines Schizophrenen wird vom sozialen Umfeld nicht geteilt. Womit er auch keinen sozialen Rückenhalt erfährt.
chronisch- unproduktive /negative Phase:
- Affektverflachung (reagiert nicht oder nur wenig auf Situationen, Witz =
lacht nicht, Geschenk = freut sich nicht)
- Apathie, Verlangsamung von Denken und der Psychomotorik
- Einengung der Interessensbreite, soziale Einengung
- sprachliche Verarmung, unfähig sich nonverbal und verbal mit zuteilen
Für die Diagnose "Schizophrenie" gibt es bestimmte Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen. (nach ICD-10 o. DSM-IV, auch ein Verschüsselungssystem)
Diagnostik und Differentialdiagnostik der Schizophrenie
Die Diagnostik bei Verdacht auf Schizophrenie ist recht umfangreich. Die Diagnose "Schizophrenie" erfolgte auf dem Boden eines sorgfältig erhobenen psychopathologischen Befundes (systematisierte Symptomatik) unter Anwendung entsprechender diagnostischer Leitlinien und Algorithmen moderner, manualisierter Klassifikationssysteme (ICD-10 oder DSM-IV). Manchmal ist die Diagnose-Stellung einer Schizophrenie erst nach einer gewissen Verlauf-Zeit möglich.
Wichtige Vorbedingungen für eine saubere (=sichere) Diagnostik der Schizophrenie sind darüber hinaus die Durchführung von Laboruntersuchungen und einer apparative Diagnostik zum Ausschluss von körperlich begründbaren Psychosen!!!
Merke:
* Das Vorliegen von Anhaltspunkten für eine Hirnerkrankung oder eine das
Hirn betrefende Allgemeinerkrankung schliesst die Diagnose einer
Schizophrenie aus
* In der modernen operationalisierten Diagnostik sind "Zeitkriterien"
eingebaut, die erfüllt sein müssen, damit die Diagnose gestellt werden
kann. Ist das Zeitkriterium nicht erfüllt, die anderen Kriterien aber schon,
dann muss die Diagnose einer schizophreniformen Psychose gestellt
werden
Merke:
* Die ICD-10 verlangt 4 Wochen Mindestzeit einer produktiven
Symptomatik
* Das DSM-IV verlangt kontinuierliche Anzeichen über mindestens 6
Monate. Auch Negativsymptomatik zählt dazu. Zumindest einmal muss
produktive Symptomatik in diesem Zeitraum aufgetreten sein.
Differentialdiagnostik
Wie oben bereits erwähnt, müssen zur sicheren Diagnose einer "Schizophrenie" andere, symptomatisch ähnliche Erkrankungen ausgeschlossen werden. Dazu gehören:
* Körperlich begründbare Psychosen:
o Entzündliche, neoplastische,(zubildungsbedingte) toxisch und andere
hirnorganische Prozesse
o Andere Somatosen: EK, die solche Symptome hervorrufen
* Schizoaffektive und affektive Erkrankungen
* (Zeitkriterium für Schizophrenie nicht erfüllt)
* (schizotypisch, schizoid, paranoid oder Borderlin-Typ)
Schizophrenie-Typen nach ICD-10 (F2)
Das äussere Krankheitsbild bei der Schizophrenie ist sehr vielgestaltig, und deshalb unterscheidet man in der Systematik, abhängig vom Verlauf und von der Kernsymptomatik, verschiedene Schizophrenie-Typen.
* Paranoide Schizophrenie
o vorherrschend sind Halluzinationen und Wahnvorstellungen
* Hebephrener Typ
o meist jugendliche Patienten mit vorwiegender Störung des Denkens
und der Affekte (typischer "läppischer" Affekt, nichts ernst nehmen)
* Katatone Schizoprenie
o im Vordergrund stehen Störungen des Antriebs und der
Psychomotorik
* Undifferenzierte Schizophrenie
o Schizophrenie ohne eindeutige Zugehörigkeit zu einer der anderen
Formen der Kategorie
* Postschizophrene Depression
o im Anschluss an eine Schizophrenie auftretende, langanhaltende
Depression mit noch andauernden, aber milderen
Schizophrenie-Symptomen
* Schizophrenes Residuum (F20.5)
o Stadium der "chronischen" Schizophrenie nach langjährigem Verlauf,
in welchem sogenannte "Negativsymptome" (Antriebsarmut,
Affektverflachung und Verlust sozialer Kompetenz mit Rückzug
vorherrschen
* Schizophrenia simplex (F20.6)
o schleichend und unspektakulär verlaufende Schizophrenie ohne
Positivsymptomatik, daher oft schwer zu diagnostizieren>
Die aufgezählten Untertypen werden nicht als eigene Krankheitseinheiten, sondern lediglich als unterscheidbare "Ausprägungstypen" ein und derselben schizophrenen Erkrankung verstanden. Dieser Auffassung gemäss
* können die verschiedenen Formen im Erkrankungsverlauf auch auseinander hervorgehen oder ineinander übergehen,
* kann sich die genaue Schizophrenie-Diagnose im Krankheitsverlauf ändern und sollte sich immer danach richten, was den Anlass zur letzten Untersuchung oder zur letzten Krankenhauseinweisung gegeben hat.
Multikausale Ursache der Schizophrenie, Vulnerabilitäts-Stress-Modell, Dopamin-Hypothese
Die Schizophrenie gehört zur Hauptgruppe der sogenannten endogenen (von innen) Psychosen. Sie ist auch heute noch, trotz der Vielzahl neuer und guter Behandlungsmöglichkeiten eine schwere psychische Krankheit ! Die Entstehung ist multikausal, es gibt also nicht die Ursache der Schizophrenie. Es gilt als etablierte Meinung, dass die Krankheit Schizophrenie durch ein Zusammenwirken verschiedener, biologischer wie psychosozialer Faktoren begünstigt, ausgelöst und unterhalten wird. Das Modell, nach welchem sich die moderne Schizophrenieforschung die Entstehung der Krankheit erklärt, nennt sich "Vulnerabilitäts-Stress-Modell"* Es versucht die verschiedenen Wirkfaktoren in einer einzigen Entstehungshypothese zu vereinen.
Vulnerabilitäts-Stress-Modell:
Geht davon aus, das bei bestimmten Individuen, eine Verletzlichkeit (Vulnerabilität) vorliegt. Diese
kann unter Belastungen (verschiedener Art) wahrscheinlicher zum Ausbruch der Erkrankung führen, als bei Individuen ohne diese Vulnerabilität.
Eine weitere, relativ gesicherte und bekannte Hypothese im Zusammenhang mit dieser Erkrankung ist die sogenannte Dopamin-Hypothese der Schizophrenie, welche davon ausgeht, dass eine (relative) Überaktivität bestimmter Botensysteme in bestimmten Regionen im Gehirn, eben die dopaminergen Strukturen, v.a. im Bereich des limbischen Systems, wesentlich für die Entstehung psychotischer Symptome sind und welche Grundlage der modernen psychopharmakologischen Behandlung der Schizophrenie ist.
Es gibt eine kurze verständliche Formel:
Zu viel Dopamin = Psychose
Zu wenig Dopamin = Parkinsonsche Symptome
Eine weitere, gesicherte Erkenntnis ist die, dass Schizophrenien auch eine genetische Verursachung haben. Es gibt aber auch hier nicht das Gen für die Schizophrenie, sondern man geht aus von einer sogenannten polygenen Erbanlage mit unvollständiger Penetranz, die zu etwa 5% an der Manifestation einer späteren Schizophrenie beteiligt ist.
Was lässt sich nun darüber aussagen, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand an Schizophrenie erkrankt, in dessen Familie bereits einer oder mehrere Erkrankte sind?
Die statistische Wahrscheinlichkeit, ebenfalls zu erkranken, hängt sehr von der genauen Konstellation ab. Folgende prozentuale Risiken hat man aufgrund von Familien- und Zwillings-Studien finden können (nach Häfner, 1995):
* Die Konkordanzrate eineiiger Zwillinge liegt bei >50%
* Die Konkordanzrate zweieiiger Zwillinge liegt nur noch bei ca 10%
* Normale Geschwister erkranken mit einer Häufigkeit von unter 10%
* Kinder von Eltern, die beide schizophren sind erkranken mit 36,6%
Wahrscheinlichkeit
* Kinder eines erkrankten Elternteils erkranken in etwa 10% d.F.
* Halbgeschwister, Nichten, Neffen und Enkelkinder von Erkrankten haben
eine 3%ige Wahrscheinlichkeit ebenfalls zu erkranken
* Cousinen und Cousins 1. Grades erkranken in 1,5% der Fälle
* Ehepartner von Betroffenen haben 1% Risiko zu erkranken
Bei Th. Köhler (2005) finden sich ergänzend folgende Zahlen aus diversen Adoptionsstudien:
* Kinder eines schizophrenen Elternteils, erkranken unabhängig davon, ob sie bei nicht erkrankten Adoptiveltern aufwachsen oder beim erkrankten Elternteil verbleiben, mit einer Wahrscheinlichkeit von 10-20%
* Das Erkrankungsrisiko von Kindern nicht-schizophrener Eltern steigt dagegen nicht, wenn sie in einer Adoptivfamilie aufwachsen, in der ein Elternteil schizophren erkrankt ist!
Therapie:
Medikamente: Neuroleptika, welche in den Hirnstoffwechsel eingreifen um
ihn zu normaliesieren (besonders hier erwähnt: Dopamin-
stoffwechsel)
In der Akutphase erfolgt eine höhere Dosierung um eine gewisse Stabilisierung zu erreichen. Die Dosis verringert sich aber im KH Verlauf und es erfolgt im Anschluss eine Langzeittherapie. Dies geschiet heute oft über Depotgaben, um dem Pat. ein relativ uneingeschränktes Leben zu ermöglichen. Weiterhin ist Die KH Einsicht bei Schizophrenen oft nicht vorhanden. Dies macht es schwierig, eine adäqute Complince (Mitarbeit) des Pat. zu erreichen.
Die Medikament haben heut längst nicht mehr die gefürchteten Nebenwirkungen, wie das früher einmal war. Da man in den Dopaminhaushalt eingreift, bzw. den Dopaminspiegel teilweise drastisch senkt, kam es früher, als die Medikamentendosierung/Wirkung noch weitgehend unbekannt war,oft zu den gefürchteten motorischen Einschränkungen. Die Pat. teilweise völlig erstarren liesen. Gott sei Dank ist dies heut Vergangenheit. Sicher gibt es diese Nebenwirkungen auch heut noch, aber längst nicht in dem Ausmaß we früher.
Zusätzlich zur Medikation:
Soziotherapie der Schizophrenie
Das Ziel der Soziotherapie ist die Förderung sozialer Fähigkeiten (soziale Kompetenz) und Verhinderung von Defiziten.
* Komponenten:
o Arbeits- und Beschäftigungstherapie
o Berufliche Rehabilitation
o Arbeit an Milieufaktoren/Tagesstrukturierung
* Prinzip der kleinen Schritte
* Unterstützt durch
o teilstationäre Angebote wie z.B. Tages- oder Nachtklinik, die einen Übergang schaffen in
o längerfristige Rehabilitationsbereiche (Reha-Heime, Wohngruppen, Wohnheime, langfristige berufliche Reha-Einrichtungen, beschützte Werkstätten)
Die Prognose richtet sich nach dem jeweiligen Typ. Aber wie ich schon oben erwähnte, ist man heute in der Lage, diese ernste und schwerwiegende EK gut zu behandeln.
Ich hoffe mit diesem Tread, einen Einblick in diese KH geben zu können. Auch wenn es nicht immer nachvollziehbar ist, wie und was mit diesen Menschen geschiet, so sind es doch Menschen. Menschen mit Gefühlen, Gedanken und ihrem eigenem Wesen.